Ein Tagebuch gegen das Vergessen

cov_978-3-85535-019-3_001_SL1.inddGeschichte ist der konservierte Alltag der Vergangenheit. Zumindest gehört das alles dazu. Die Historiker entscheiden, was davon wert ist, im allgemeinen Gedächtnis zu bleiben. Doch gerade die alltäglichen Geschichten der Vergangenheit sind es, die in uns das Verstehen auch der größeren Zusammenhänge befördern. Schließlich lässt sich das Leben früherer Generationen viel leichter zu uns ins Verhältnis setzen. Auch die großen und oftmals schrecklichen Ereignisse vergangener Zeiten erscheinen unter diesem Blickwinkel in einem anderen, deutlicheren Licht.
Erich Kästner hat sich im Januar 1941 dazu entschieden, ein Tagebuch zu führen, in dem er „wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags“ aufzeichnen wollte. In seinem ersten Eintrag am 16. des Monats schreibt er: „Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“ Und nachdem das Tagebuch in einen blauen Leinenumschlag gebunden ist, hat es nun Sven Hanuschek unter dem Titel „Das Blaue Buch – Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945“ herausgegeben. Seit seinem ersten Eintrag trug Kästner das Buch stets bei sich. Als Tagebuch hat er es nicht wirklich genutzt. Oftmals notierte er wochenlang nichts. Von Ende Oktober 1941 bis zum 18. Februar 1943 und vom 18. September 1943 bis zum 7. Februar 1945 klaffen die größten Lücken. Die Notizen enden am 29. Juli 1945 mit dem Bericht es ehemaligen Konzentrationshäftlings Männe Kratz, der als amerikanischer Soldat nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ergänzt hat der große Autor das Buch mit Zeitungsausschnitten und anderen Zetteln.
Im Gegensatz zur früheren Marbacher Ausgabe ist „Das Blaue Buch“ detailliert aufbereitet. In seiner Einführung ordnet Sven Hanuschek das Werk ein, erläutert und ergänzt. Das Tagebuch selbst ist versehen mit Marginaltexten. Beilagen, Roman-Konvolute wie sie von Silke Becker und Ulrich von Bülow neben dem Tagebuch als Band der Marbacher Magazine herausgegeben wurden, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister ergänzen das Buch. Ein Beitrag von Ulrich von Bülow dreht sich um die Textgeschichte und Edition der Ausgabe.
Kästners „Blaues Buch“ ist ein reiches Zeitzeugnis. Alltägliches, Gerüchte, Witze, Politik und Kriegsereignisse sind seine Themen. Auch hier zeigt sich wieder der genaue Beobachter, der er zeitlebens war. Dank seines klaren, treffenden Stils sind die Einträge oftmals eindrücklich und immer eindeutig zu verstehen. Fast selbstverständlich steigern sich Sarkasmus und Ironie. Seine persönliche Haltung ist dabei nicht eindeutig. Er leidet mit den Menschen in der Heimat und den deutschen Soldaten. Und er prangert genauso die Brutalität und Verlogenheit der Nationalsozialisten an. Dahinter taucht die Frage auf, die Kästner seit der Machtergreifung der Nazis ein Leben lang begleitet hat. Warum ist er in Deutschland geblieben?
Dafür gab es viele Erklärungen: Weil er glaubte, der Nationalsozialismus würde bald wieder verschwinden. Weil er den großen Roman über das Dritte Reich verfassen wollte. Oder weil er seine Heimat und seine Eltern nicht verlassen wollte. Was nun davon stimmt oder nicht, lässt sich nicht feststellen. Kästner selbst hatte immer wieder große Zweifel an seiner Entscheidung oder eben Nichtentscheidung zu gehen. Und warum hat er dann den großen Roman über das Dritte Reich nie geschrieben? Vieles deutet darauf hin, dass Kästner trotz all seiner großen Fähigkeiten keine Worte und keine Form für das Entsetzliche gefunden und deshalb die Idee verworfen hat. „Das Blaue Buch“ ist ein eindrucksvolles, eigentlich unverzichtbares Zeitzeugnis, das einen sehr interessanten, tiefen Blick auf die Geschehnisse jener Zeit bietet und auf den vielschichtigen Charakter eines unserer bedeutendsten Schriftsteller.

Gernot Körner

Bibliographie:

Erich Kästner
Das Blaue Buch
Atrium
Gebunden, 405 Seiten
32€ [D]
ISBN 978-3-85535-019-3

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Der Autor:

Erich Kästner geboren am 23. Februar 1899 in Dresden, gestorben 29. Juli 1974 in München, war ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Verfasser von Texten für das Kabarett. Bekannt machten ihn vor allem seine Kinderbücher wie Emil und die Detektive, Das doppelte Lottchen und Das fliegende Klassenzimmer sowie seine humoristischen und zeitkritischen Gedichte. Kästner zählt zu den bedeutendsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.