Literatur als Lebensschule und ein Bohemien mit großer Wachheit

Prof. Dr. Sven Hanuschek ist vielen durch seine Biographien über Elias Canetti und Erich Kästner bekannt. Besonders Kästner gehört zu den Arbeitsschwerpunkten des Professors an der Universität München. Nun hat er „Das Blaue Buch“, das Kriegstagebuch des Autors, neu herausgegeben. Wir sprachen mit ihm über die Literaturwissenschaften und über das Werk Kästners.

Sie haben Literaturwissenschaft studiert und ihre Studenten tun es ebenso. Auf den Berufsmarkt ist dieses Studium kaum gerichtet. Wozu studieren Menschen also Literaturwissenschaft?

Es gibt ein Bild dafür. Ich denke, man lernt im Umgang mit Literatur und eben auch im Studium der Germanistik sehr gut, sich auf ganz verschiedenen Gebieten zu orientieren. Man wird sozusagen in ein Schwimmbecken geworfen und lernt, zu schwimmen.

Durch die Literatur?

Durch die Literatur und auch durch die wissenschaftlichen Arbeitsweisen. Germanisten lernen, sich sehr schnell in komplexe Bereiche hineinzufressen, sich zu orientieren und daraus etwas zu machen. Das lernt man wohl in erster Linie tatsächlich in den Geisteswissenschaften, das ist für mich die Qualität, die Germanistik hat. Der universalistische Zugriff, den Sie sonst nicht mehr beigebracht bekommen. Insofern sind die Geisteswissenschaften, darunter besonders die Germanistik, Lebensschule.

Ist Erich Kästner Lebensschule?

Ja, ich finde, das ist er; vor allem mit den Kinderbüchern. Es ist doch sehr ungewöhnlich für einen Autor, dass er die Kinder dort abholt, wo sie sind, und doch für die Erwachsenen so viel zu bieten hat. Bei Kästner lernt man Klarheit des Denkens und Sprechens, er wird ohnehin als Stilist unterschätzt – seine große Leichtigkeit, mit der das daherkommt.

Genau das ist wohl ein Grund für die Begeisterung für seine Texte. Ist Kästner hier ein Naturtalent?

Gerade dieses Einfache ist schwer zu machen. Diese Pointierung von Brecht gilt auch für Kästner: Diese Einfachheit ist eine sehr durchgearbeitete, zum Teil unter großen Mühen entstandene. Er hat diesen Stil lange entwickelt, das dauerte Jahre – viele Jahre journalistischer Praxis, viel Wahrnehmung. Er hat tausende von Zeitungsartikeln geschrieben, die nur zum Bruchteil wieder ediert sind. Kästner ist ein Journalist, der sich in Richtung Literatur entwickelt hat. Schon die frühen Gedichte, auch der Fabian sind sehr komplexe Texte, auch wenn sie nicht so daherkommen.

Sven Hanuschek

Sven Hanuschek

Wie kamen Sie auf Kästner?

Bei meiner ersten Forschungsstelle ging es um die Geschichte des PEN-Clubs. Erich Kästner war über zehn Jahre lang Präsident des westdeutschen PEN-Zentrums und hat dieses stark geprägt. Während meiner Arbeit fiel mir auf, dass sein 100. Geburtstag bevorstand und es keine Biographie über ihn gab, an der er nicht selbst mitgeschrieben hätte oder in der irgendwas stand, was ihm nicht gefallen hätte. Es gab keine Biographie mit ein bisschen Distanz. Ich schlug das Projekt einer neuen Biographie dann einem Verlag vor und als dieser annahm, ließ ich mich für ein Jahr vom PEN-Projekt beurlauben, um meine erste Kästner-Biographie zu schreiben.

Was verkörpert Kästner für Sie?

Er ist einer der großen Stilisten deutscher Sprache, wie gesagt, und hat eine große Wachheit in der Beobachtung. Kästner ist auch eine Figur, die ein politisches Weltbild hat, nicht nur irgendwelche politischen Meinungen, sondern diese auch zu einem Gesamtbild vereinigt. Das ist so eine Art Frühsozialismus, wie er sich im Fabian zeigt. Es geht dabei um direkte Hilfe im eigenen Lebensumfeld, gerade nicht um ‚höhere‘ politische Ideale. Die hatte er sicher auch. Aber es geht zunächst tatsächlich um den eigenen Bereich – um das, was man selbst tut, was man mit seinem Umfeld zu tun hat, wo man wem helfen kann und das dann tatsächlich auch unternimmt. Das macht ihn sicher aus, plus seiner eigenen Biographie, die er länger versucht hat, nicht so an die große Glocke zu hängen. Der eigene Lebensstil ist ja doch etwas anders; der eines Bohemien, muss man sagen.

Ist er das?

Ja. Für das Publikum ist das oft schwer zusammenzubekommen. Aber Kästner konnte als Bohemien leben, trotzdem Gesellschaftsbeobachter sein und diese politischen Auffassungen haben, denen er entsprach. Seit seiner ersten langjährigen, dann gescheiterten Beziehung konnte er sich nie wieder so richtig binden. Er war auch ein schlechter „Wohner“, seit seine Berliner Wohnung im Krieg zerstört worden war. Alles ist damals verbrannt, inklusive der Bibliothek, Manuskripte, Entwürfe und so weiter. Es gibt aus dieser Zeit nur noch, was er seiner Mutter nach Dresden geschickt hat; die Manuskripte, eben das blaue Buch, das er in seiner Aktentasche bei sich hatte. Seitdem hat er ja bei seiner damaligen, dann auch dauerhaften Lebensgefährtin Luiselotte Enderle gelebt.

Hat er sich hier nicht eingebracht?

Wenn Sie die Möbel auf Fotos ansehen: Das ist der Möbelgeschmack von Frau Enderle. Er hat damit gelebt. Seinen Einfluss sieht man äußerstenfalls an der Bibliothek oder an den Arbeitsunterlagen, die sehr genau geführt sind, sehr präzis. Sein „Schreibtisch“ stand für ihn in irgendwelchen Kaffeehäusern oder auch in den Kneipen, in denen er in erster Linie saß, um zu arbeiten. Der Lärm um ihn herum hat ihn offenbar nicht gestört, sondern eher angeregt, abgeschirmt. Das ist ja auch ein Arbeitsstil, den wahrscheinlich die Kaffeehausliteraten in den zwanziger Jahren und auch um die Jahrhundertwende in Wien hatten. Das war eher seines und dann auch die entsprechenden Verhältnisse – mit und ohne Bratkartoffeln.

Kästner gilt mittlerweile vielen als Klassiker. Welche Bedeutung hat er heute?

Offensichtlich sind die Kinderstoffe unverwüstlich. Die werden regelmäßig immer wieder neu verfilmt – selbst in anderen Kulturen, es gibt etwa asiatische Emil-Verfilmungen. Der Stoff scheint unendlich übertragbar zu sein, Kästner hat wirklich Modelle gefunden, die eine Zeit überdauern und immer wieder aktualisierbar sind.

Lange hatte Kästner nur die Rolle als berühmter Kinderbuchautor gehabt. Wann ist sein Werk für Erwachsenen bekannt geworden?

Ich würde sagen, das kam (postum gesprochen, zu Lebzeiten war er immer beides) so mit den Büchern zum 100., also 1999. Seitdem gibt es auch sowas wie germanistische Forschung. Die hat es zwar davor schon gegeben, aber eben nur vereinzelt. Die älteren Dissertationen in den Post-68er-Jahren waren meist sehr kritisch. Sie warfen Kästner etwa vor, dass er schizoid und frauenfeindlich gewesen sei, dass er nicht mit flammenden Parolen politisches Engagement betrieben hat. Man hat auch sprachlich nicht genau hingeschaut und geurteilt, das alles habe Pseudotiefe. Man hat sich also von genau dieser Einfachheit des Stils ein bisschen einlullen lassen.

Wie hat sich dieses Bild seither verändert?

In den vergangenen 20 bis 30 Jahren gibt es viele Dissertationen und Einzeluntersuchungen. Das Werk wird so nach und nach eigentlich erschlossen. Das ist die wissenschaftliche Seite. Als öffentliche Figur ist Kästner tatsächlich eine besondere Art Klassiker geworden. Er hat für viele mehr mit ihrem Leben zu tun als andere Autoren, mit einem Lebensgefühl. Man sieht das bei jedem neuen Kästner-Film oder Dokumentarfilm, wie er angenommen wird. Viele scheinen damit so eine Art positives Kindheitsgefühl zu verbinden.

Erich Kästner

Erich Kästner

Wie lässt sich dieses von Kästner vermittelte Lebensgefühl beschreiben?

Das kann man, glaube ich, am besten an Emil erklären. Ja, weil Emil als Junge, der in die Großstadt kommt, bestohlen wird und es schafft, nur mit anderen Kindern, die er dort unmittelbar kennenlernt, diesen Räuber zu fassen. Der Roman wendet sich mit einer klaren Botschaft an die Kinder: Man kann als Kind in einer Großstadt zurechtkommen, sich der neuen Medien und der Verkehrsmittel bedienen – auch wenn man aus der Provinz kommt. Hier legt Kästner Lebensgefühl wie einen warmen Mantel um die Kinder. Und dieses Lebensgefühl heißt: Alles geht!

So positiv sind die Erwachsenentexte von Kästner aber nicht.

Die Erwachsenentexte – also vor allem der Fabian und die Gedichte der Weimarer Zeit – sind oft düster, auch pessimistisch. Sie sind nun wirklich keine warmen Mäntel. Aber gerade diese Mischung finde ich so reizvoll, weil man immer den Eindruck hat, der lügt uns auch nicht an – er meint wirklich, was er sagt. Kästner ist auf das Publikum gerichtet. Er sagt: Soll ich die Kinder damit belasten? Ich will, dass sie auf die Welt anders zugehen, auch ohne Angst. Gleichzeitig sehe ich natürlich, was im Argen liegt. Eine solche Mischung wie bei Kästner gibt es sonst kaum. Er schreibt auf ein Publikum hin, ohne immer das Gleiche zu machen.

Aber das scheint ja auch sehr werte-orientiert zu sein?

Ja, es gibt diese Redensart vom Moralisten, er hat sich ja auch zum Teil selber so bezeichnet. Hier stellt sich dann die Frage, was ein Moralist eigentlich ist oder macht. Das ist ja eben genau diese Art der Gesellschaftsbeobachtung: Ein Moralist beobachtet, was um ihn herum vorgeht, kommentiert und bewertet das auch. Das heißt nicht zwingend, dass ein Moralist ungeheuer moralistisch oder moralisch leben muss. Er ist ja der Beobachter. Da gibt es ja dieses Epigramm, in dem es heißt: „Merk’s dir, du Schaf, weil’s immer gilt: Der Fotograf ist nie auf dem Bild.“ Das ist jetzt im Selfie-Zeitalter vielleicht ein bisschen schwierig als Aussage geworden, aber man weiß, was gemeint ist.

Eben ist „Das Blaue Buch“ von Kästner erschienen. Was können Sie uns über dieses Projekt sagen?

Es handelt sich dabei um die Kriegstagebücher in einer neuen Edition. Anders als die frühere (erste) Marbacher Edition ist diese Ausgabe selbsterklärender. Die neue Einführung stellt die Texte in ihre zeit- und werkpolitischen Kontexte. Sie ordnet sie auch in Kästners Leben ein, beleuchtet die Entstehungsbedingungen. Die Texte sind mit Marginalspalten links und rechts erläutert, man muss nicht groß blättern. Nur die (stark erweiterten) Biografien stehen in einem Register, da nun mal nicht alles in Spalten passt. Eine sehr aufwändige Edition.

Gernot Körner

Sven Hanuschek

Sven Hanuschek geboren 1964 in Essen, ist heute Professor an der Universität München. Der Literaturwissenschaftler hat über Heinar Kipphardts Dokumentartheater promoviert und über die Geschichte des bundesdeutschen PEN-Zentrums geforscht. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er mit seiner großen Biografie Elias Canettis (2005) bekannt geworden. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist seit vielen Jahren Erich Kästner: Hanuscheks Biografie Keiner blickt dir hinter das Gesicht erschien 1999, er gab unter anderem Briefe und den Gang vor die Hunde, die Urfassung des Fabian, heraus. Beides erschien im Kästner-Verlag Atrium. Eben hat er Erich Kästners Das Blaue Buch – Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945 zusammen mit Ulrich von Bülow und Silke Becker herausgegeben und kommentiert.