Alle Geistesgrößen der Menschheitsgeschichte in einem Band?

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Ohne Frage ist Wikipedia eine geniale Erfindung, die uns in Schule, Alltag und Beruf oft das Leben erleichtert. Doch das erfolgreiche Internetprojekt hat auch Nachteile. Etwa die mangelnde Zitierfähigkeit, die Veränderlichkeit der Einträge, die unterschiedliche Qualität der Artikel, je nach Fähigkeiten und Interessen der entsprechenden Autoren. Auch das E-Book macht das Leben leichter. Vor allem entlastet es den Rücken. Die Handhabung, so intuitiv sie sich oft auch gestaltet, kann mit dem klassischen Buch jedoch nicht mithalten. Mehrere Bände gleichzeitig nebeneinander auszubreiten, zwischen Inhaltsverzeichnis, Quellenverzeichnis und mehreren Textstellen zu springen, mit Bleistift zu markieren, zu kommentieren und auszuradieren – all das geht am Buch aus Papier doch sehr viel einfacher von der Hand.

Für das professionelle Studium ist das Buch daher auch heute nicht wegzudenken. Und auch das private Studium, mit einer Tasse Kaffee vor dem Kamin, fühlt sich für viele mit einem dicken Wälzer auf dem Schoß heute immer noch „authentischer“ an, als mit dem Tablet.

Das Kindler Literatur Lexikon mit seinen knapp 15.000 Seiten ist seit Jahrzehnten ein Standartwerk, das zugegebenermaßen recht viel Platz im Regal wegnimmt. Als pfiffige Alternative zur ebenfalls erhältlichen Online-Datenbank hat man sich im Verlag J.B. Metzler daher die Reihen „Kindler Klassiker“ und „Kindler Kompakt“ ausgedacht, welche sich auf ein bestimmtes Themengebiet, eine Epoche oder eine Region beschränken und so in relativ kompakter Form umfangreiches Wissen zum jeweiligen Spezialgebiet zur Verfügung stellen. Als Beispiel für die Kindler Klassiker liegt uns der Band „Philosophie“ vor, zusammengestellt von Ferdinand Pöhlmann.

Das Lexikon führt die Autoren in alphabetischer Reihenfolge auf. Autoren- und Titelregister helfen bei der Orientierung. Jeder Autor wird zunächst knapp mit seinen wichtigsten Lebensdaten vorgestellt und philosophiegeschichtlich verortet. Es folgen Lemmata zu einzelnen Schriften die im jeweiligen Werk als zentral verstanden werden können, wobei Pöhlmann den Rahmen hier mal weiter mal enger spannt. Auch die Werke erfahren eine geschichtliche Einordnung und wesentliche Inhalte werden knapp zusammengefasst. Neben geläufigen Namen der europäischen Philosophie wie Aristoteles, Augustinus, Descartes, Hegel oder Wittgenstein finden sich auch zahlreiche Einträge zu arabischen und chinesischen Denkern. Völlig unverständlich ist allerdings, dass sich zwar Plotin findet, nicht jedoch Platon, der zusammen mit seinem Schüler Aristoteles wohl einflussreichste Philosoph der Antike. Dass beispielsweise Sokrates, der keine eigenen Texte verfasste, in einem Literaturlexikon fehlt, ist dagegen zu erwarten.

Insgesamt ein sehr umfangreicher aber bei weitem nicht erschöpfender Band, der für Studenten und Dozenten der Philosophie, wie auch für ambitionierte Laien dennoch wertvolle Dienste als Nachschlagewerk leisten kann.

Tobias Schudok

Bibliographie:

Ferdinand Pöhlmann (Hrsg.)
Kindler Klassiker Philosophie
Werke aus drei Jahrtausenden

J.B. Metzler
Gebunden, 774 Seiten
ISBN 978-3-476-04035-0
49,95 €