Die Satire ist der Therapeut des Wahnsinns

Westermann & Fräulein Gabriele

Westermann & Fräulein Gabriele

Die Enthüllungen von Edward Snowden und Glenn Greenwalds Buch über „Die globale Überwachung“ können wohl Inspiration für Katharina Münks Satire „Westermann & Fräulein Gabriele“ gewesen sein. Nach „Die Insassen“ und „Die Eisläuferin“ widmet sie sich in ihrem neuen Buch dem Thema der globalen Datenspionage. Darin steckt natürlich wie immer der ganz normale Wahnsinn unseres täglichen Lebens.

Ihr Hauptakteur ist der IT-Vorstand von IBT Richard Westermann. Er hat nicht nur eine schwäche für Friedhöfe, sondern verliebt sich bei der Beerdigung des Schriftstellers Rupertus Höfer in dessen Reiseschreibmaschine „Olympia“. Da er diese nicht bekommen kann, besorgt er sich eine andere. „Gabriele“ ist Jahrgang 1958, 35 cm groß, ganze 17 kg schwer mit einem harten Anschlag. In seinem digital geprägten beruflichen Umfeld halten ihn die Kollegen zunächst für einen Irren, vermuten auf sein betrieben hin dann aber ein Ablenkungsmanöver von seinem eigentlichen Auftrag; der Entwicklung der abhörsicheren Krypto-Box.

Die offenkundige Begeisterung für die mechanischen Schreibmaschinen „Olympia“ und „Gabriele“ ist gleichzeitig eine Absage an den Datenhype unserer Tage. Die klappernden Schreibgeräte erinnern an eine Zeit, in der Informationen noch etwas Kostbares waren und das Leben sich deutlich privater darstellte. In der Erkenntnis, dass sich Daten heute kaum mehr schützen lassen, entwickelt sich Westermann zum Aussteiger. Längst ist er des ständigen Karrierekampfs in seinem Konzern überdrüssig. Und auch in der Entwicklung seiner Krypto-Box, die nur zwischenzeitlich Abhörschutz bieten kann, sieht er auf Dauer keinen wirklichen Sinn. Erst mit seiner mechanischen Schreibmaschine lernt er wieder klare Gedanken zu fassen und findet auf diesem Weg zu sich selbst.

Mit Hilfe der satirischen Überspitzung gelingt es Münk erneut, einen tiefen Einblick in den pathologischen Zustand der Konzern- und Lebenswelt zu bieten. Die Autorin, die mit bürgerlichem Namen Petra Balzer heißt und unter anderem lange Zeit als Sekretärin gearbeitet hat und heute als Personal Coach unterwegs ist, kennt eben die skurrilen Gedankengänge ihrer Klientel. Und darin, ein feines Netz zu spinnen, aus dem eine spannende, manches Mal verwirrende und immer witzige Geschichte entsteht, ist sie eben eine Meisterin. So bleibt im Leser am Ende eine diebische Freude über das offenkundige Scheitern jener Menschen zurück, die sich, geblendet von ihrem Karrierestreben, dem Rest der Gesellschaft überlegen fühlen. Dabei legt Münk genau den Finger in die Wunde jener künstlichen Unternehmenskulturen, die sich mit ihren eigenen Regeln und Verhaltensweisen weit vom eigentlichen menschlichen Zusammenleben entfernt haben.

In der Hörbuchfassung liest Jürgen Uter den Roman mit viel Engagement und Freude. Er arbeitet die Protagonisten heraus, gibt Ihnen zusätzlich Charakter und lässt Zwischentöne nicht überhören.

Katharina Münks „Westermann & Fräulein Gabriele“ ist eine versöhnliche Satire auf den Wahnsinn unserer Tage.

(Gernot Körner)

Hörprobe:

Über die Autorin

Katharina Münk ist neben ihrer Autorentätigkeit Personal Coach für Fach- und Führungskräfte und lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Ihr erster Roman bei dtv „Die Insassen“ (2009) wurde ein Bestseller. Ihr Name ist ein Pseudonym.

Katharina Münk über Jürgen Uter

Jürgen Uter ist nicht nur ein wunderbarer Schauspieler und Hörbuchsprecher, vor allem ist er ein ausgewiesener Menschenkenner. Das muss wohl am Feinsinn und am Humor liegen, mit denen er noch die letzten Facetten und Zwischentöne aufspürt.

 

Bibliographie

Katharina Münk
Westermann & Fräulein Gabriele

dtv-Premium
352 Seiten
ISBN 978-3-423-26082-4

Katharina Münk
Westermann & Fräulein Gabriele

GoyaLiT
4 CDs, 325 Minuten

ISBN 978-3-8337-3452-6