Mirinae Lee: Die acht Leben der Frau Mook
Eine Angestellte des Seniorenheims Golden Sunset hat die Idee, Nachrufe für die Bewohner zu schreiben. Dadurch entsteht ein enger Kontakt zu Frau Mook, einer fast hundertjährigen Frau. Aus diesen Gesprächen entfaltet sich nach und nach ein vielschichtiges Lebenspanorama. Der Roman ist in acht Kapitel gegliedert – acht Leben, acht Perspektiven. Gleichzeitig wird darin die politische Geschichte eines geteilten Landes und die biografische Zerrissenheit der Figuren sichtbar.
Die Lebensstationen werden nicht chronologisch erzählt. Dadurch wirkt die Handlung zunächst verwirrend. Man braucht Zeit und Geduld, muss gelegentlich zurückblättern, um sich in diesem literarischen Dschungel aus Erinnerungen und Identitäten nicht zu verlieren. Im Zentrum stehen die beiden Protagonistinnen Yongmal und Minhee, deren Herkunft und Geheimnisse nach und nach entschlüsselt werden.
Viele Figuren, viele Perspektiven
Eine Vielzahl dramatis personae in ständig wechselnden Szenarien, Konstellationen und Orten prägt diesen koreanischen Roman. Gerade diese Komplexität verleiht ihm sein ganz eigenes literarisches Gepräge. Der Leser wird dabei immer wieder mit der Geschichte Nord- und Südkoreas konfrontiert – einem bis heute geteilten Land. Auch die Zeit der japanischen Besatzung und die spätere Befreiung Südkoreas durch die Amerikaner spielen eine wichtige Rolle.
Gewalt, Hoffnung und weibliche Überlebenskraft
Der Roman spart grausame Szenen nicht aus, zeigt aber ebenso tröstliche und liebevolle Momente. Männer spielen eher eine Nebenrolle – und erscheinen häufig als gewalttätige oder grausame Figuren. Ausnahmen bilden die Ehemänner der beiden Protagonistinnen: ein Maßschneider der nordkoreanischen Elite und ein amerikanischer Staatsbürger mit asiatischen Wurzeln.
Das dunkle Kapitel der „Trostfrauen“
Ein besonders beschämendes Kapitel der japanischen Besatzungszeit wird ebenfalls thematisiert: das Schicksal der sogenannten Trostfrauen. Rund 200.000 Frauen wurden entführt, gefangen gehalten, misshandelt, missbraucht und zur Zwangsprostitution gezwungen, um Soldaten jederzeit zur Verfügung zu stehen. Bis heute hat Japan dieses Unrecht zwar anerkannt und Entschädigungszahlungen geleistet, lehnt jedoch die volle rechtliche Verantwortung sowie individuelle Wiedergutmachungen ab.
Identität als Spiegelkabinett
Der Roman zeigt eindrucksvoll die Kraft von Frauen, unter widrigsten Umständen zu überleben, sich immer wieder neu zu erfinden und eigene Strategien des Weiterlebens zu entwickeln. Die Identitäten wirken dabei wie auf einem Jahrmarkt – wie in einem Spiegelkabinett, das Realität verzerrt und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnet. Mit großer Fantasie und erzählerischer Kraft werden hier Frauenschicksale in kriegerischen und politisch brisanten Zeiten lebendig. Mitunter wirken einzelne Episoden fast skurril, doch gerade das macht den Reiz dieser vielschichtigen Geschichte aus. Das bekannte Zitat von Richard David Precht passt erstaunlich gut zu diesem Roman:
„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“
Eine Frage, die nach der Lektüre unweigerlich auch zur eigenen wird.
Almut Scheller-Mahmoud
Bibliografie:
Mirinae Lee
Die acht Leben der Frau Mook
Originaltitel: 8 Lives of a Century-Old Trickster
Roman, Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Hardcover, 336 Seiten
ISBN: 978-3-293-00631-7
€ 24.00, FR 32.00, € [A] 24.70
Unionsverlag
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