Ghassan Kanafani: Der Blinde und der Taube
Der palästinensische Schriftsteller Ghassan Kanafani ist auch heute noch – 54 Jahre nach seinem Tod, einer gezielten Tötung durch eine israelische Autobombe – einer der bedeutendsten Autoren des Nahen Ostens. Viele seiner Werke kreisen um die Nakba und deren Folgen. Zugleich bleibt er für viele ein umstrittener Autor, da er Gründungsmitglied der PFLP war, einer marxistisch-leninistischen Organisation, deren Vorsitzender sein Freund George Habash war.
In diesem kurzen Roman schildert Kanafani das Leben des blinden Aamir und des tauben Abu Kais. Beide stammen aus demselben Ort, Tirat Haifa, ohne sich zuvor gekannt zu haben. Sie begegnen sich am Baum und Schrein des wundertätigen Abdalati – einem Ort, der gebrochene Menschen anzieht, die Trost und Heilung suchen.
Aamir verkauft seit 20 Jahren die Brotlaibe einer Bäckerei, während Abu Kais in einem Hilfswerk arbeitet, das die langen Schlangen von Flüchtlingen mit Lebensmitteln versorgt. Der eine lebt im Gefängnis der Dunkelheit, der andere in dem der Stille.
Für beide wird dieses unerwartete Zusammentreffen zu einem Wink des Schicksals – zu einem Wunder. Und ein weiteres Wunder scheint zu geschehen: Damit Aamir den Kopf des zwischen den Ästen verborgenen Heiligen ertasten kann, hebt ihn Abu Kais auf seine Schultern. Vorsichtig tastet Aamir das vermeintliche Gesicht ab. Doch da sind kein Mund, keine Augen, keine Ohren. Erschrocken erkennen seine feinfühligen Hände: Es ist eine Wüstentrüffel. Kein heiliges Antlitz – nur ein Pilz.
„Ab heute sollst du zur Feier des Tages Abdalati heißen“, sagt Abu Kais. Gemeinsam beschließen sie, die Illusion des wundertätigen Heiligen mit Axt und Schaufel zu zerstören. Vielleicht wird gerade sein Verschwinden die ersehnten Wunder hervorbringen? Vielleicht liegt die Hoffnung darin, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Der junge Hamdan aus der Bäckerei wird zum selbsternannten Beschützer des Heiligen. Er beschimpft die beiden als Gottlose und droht ihnen mit dem Tod. Blindheit und Taubheit, so behauptet er, seien gerechte Strafen – doch wofür?
Sein eigenes Leben hat Hamdan sorgfältig geordnet, „fest verstaut in den Regalen der Erinnerung“. Nachdem sein Vater inhaftiert worden war, hatte seine Mutter erneut geheiratet. Der Stiefvater erwies sich als grob und bösartig. In der Bäckerei fand Hamdan Zuflucht und ist seit zehn Jahren eng mit Aamir verbunden. Doch auch für ihn ändert sich alles: Sein Vater wird vorzeitig entlassen, hat sich gewandelt – vom Kämpfer hin zu einem politisch Handelnden. Nun ist er überzeugt, dass alle Heiligenschreine nicht nur zerstört, sondern bis in ihre Wurzeln vernichtet werden müssen – sonst seien sie wie eine Hydra, deren Köpfe immer wieder nachwachsen.
Aamir und Abu Kais erzählen jeweils aus ihrer eigenen Perspektive von ihrem Leben und ihren Gedanken. Für sie ist tatsächlich ein Wunder geschehen: ihr zufälliges, schicksalhaftes Zusammentreffen und die Entlarvung eines vermeintlich wundertätigen Heiligtums.
Kanafani verbindet die Lebensgeschichten dieser beiden Männer, die sich ergänzen und gemeinsam ihrem Schicksal stellen, mit menschlichen, gesellschaftlichen und politischen Dimensionen. So entsteht ein eindringliches Bild ihrer Lebensumstände. Viel zu oft verschließen wir die Augen vor den Realitäten der Welt um uns herum.
„Wer Augen hat, der sehe, wer Ohren hat, der höre.“
PS: Bei meiner Recherche zu Wüstentrüffeln – von denen ich zuvor weder gelesen noch gehört hatte – stieß ich auf einen Hadith von Al-Bukhari:
„Die Wüstentrüffel sind ein Teil des Manna, das Allah dem Volk Moses herabsandte, und ihr Saft ist ein Heilmittel für die Augen.“
Almut Scheller-Mahmoud
Ghassan Kanafani
Der Blinde und der Taube
Roman, Aus dem Arabischen von Joël László
Originaltitel: al-Aʿmā wa al-Aṭrash
Verlag: Lenos Verlag
Erscheinungsdatum: 13. Januar 2026
1. Auflage, 106 Seiten
Taschenbuch / Paperback
Reihe: Lenos Babel, Band LP 250
Sprache: Deutsch
ISBN 978-3-85787-850-3
Hinterlasse einen Kommentar