Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte

Eines von 68 Kindern leidet unter Autismus. Und die Zahl der betroffenen Kinder nimmt zu. Den Familien fällt es meinst schwer, kompetente Hilfe zu finden.

Henry Markram ist einer der bekanntesten Hirnforscher. Der Journalist Lorenz Wagner hat ihn und seine Familie monatelang begleitet und deren Geschichte aufgeschrieben.

Als Ärzte bei Markrams Sohn Autismus diagnostizieren, kann er ihm trotz all seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht helfen. In seiner weiteren Forschung versucht er die Ursachen des Autismus zu ergründen. Seine neuen Theorien stellen alle bisherigen Erkenntnisse auf den Kopf. Bisher herrschte die Meinung Autisten können sich nicht einfühlen, ihnen fehle es an Empathie. Markram meint, das Gegenteil herauszufinden. Viele Autisten seien hochsensibel, fühlten mehr als andere. Dadurch entstünde auch die schnellere Überreizung. Manche könnten durch ihren Blick aufs Detail in ihren Spezialinteressensgebieten Höchstleistungen erbringen.

Die Geschichte berührt vor allem jene, die selbst mit Autisten zu tun hatten oder ebenfalls am Rand des Spektrums sind. Die Erkenntnis, dass Hochsensibilität unter Autisten weiter verbreitet ist, als ursprünglich angenommen, erklärt viele der scheinbare „seltsamen“ Verhaltensweisen. Diese Sensibilität macht Kai, den Sohn Makrams so sympathisch in der Geschichte. Er fühlt viel und geht auf andere Menschen zu. Nur wenn es ihm zu viel wird, wenn andere nicht einfühlsam genug mit ihm umgehen, dann schützt er sich und wehrt sich manchmal körperlich. Die Geschichte ist authentisch. Sie ist ein Bericht aus dem Leben eines verzweifelten Vaters, der seinem eigenen Sohn nicht helfen kann. Erst als dieser schon erwachsen ist, findet er eine mögliche Lösung.

Dieses Buch kann vielen anderen helfen, die in einer ähnlichen Lage sind. So wie die Entwicklung der künstlichen Intelligenz einen großen Umbruch in der industriellen Gesellschaft bedeuten wird, so bahnbrechend könnten die Erkenntnisse von Henry Makram für die Autismusforschung sein. Das Buch ist spannend zu lesen. Die Sprache ist klar und verständlich. Die sehr persönlich geschriebene Geschichte weckt Verständnis für die Betroffenen und zeigt beispielhaft Möglichkeiten auf, wie Erwachsene mit autistischen Kindern umgehen können obwohl oder gerade weil es kein Fachbuch ist.

Anja Lusch

Bibliographie:

Lorenz Wagner
Der Junge, der zu viel fühlte
Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autisten für immer verändern
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
18,90 € (D) / 19,50 € (A)
ISBN 978-3-95890-229-9

Der Autor:

Lorenz Wagner, Jahrgang 1970, war jahrelang Chefreporter der Financial Times Deutschland, bevor er 2013 zum Süddeutsche Zeitung Magazin wechselte. Er zählt zu den profiliertesten Porträt- und Reportage-Schreibern Deutschlands und wurde mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet. Seine Reportage »Der Sohn-Code« über Henry und Kai Markram stieg innerhalb kürzester Zeit zu den meistgelesenen Artikeln des SZ-Magazins auf und wurde tausendfach geteilt. Der Autor lebt mit Frau und Kind in München.