Auf der Jagd nach dem weißen Terrafin

40150Allegorien sind gefährlich; vor allem in der Literatur. Die Gefahr besteht darin, dass die Allegorie ihren Maßstab in der Qualität des Originals findet. Dem muss sie Stand halten. Morton Rhue (Die Welle, Dschihad Online) hat sich nicht weniger als Herman Melvilles „Moby Dick oder der Weiße Wal“ vorgenommen. Ein Werk, das als Meisterwerk amerikanischer Literatur gilt. Auch bei Rhue gibt es einen Ismael, Queequeg, den Steuermann Starbuck, das Walfängerschiff Pequod und selbstverständlich den einbeinigen Kapitän Ahab. Da wir es aber mit einem Zukunftsroman zu tun haben, jagen sie keinen weißen Wal, sondern einen weißen Terrafin. Dabei handelt es sich wohl um einen riesigen Stachelrochen, der vergleichbar mit dem kostbaren Ambra des Wals Träger einer wertvollen, kostbaren Substanz namens Neurotoxin ist. In Rhues Geschichte ist Ismael aber kein Bürgerssohn, der das Abenteuer sucht, sondern ein „Klimaflüchtling“, der die zerstörte Erde verlässt, auf der es kaum mehr Sauerstoff gibt. Um seine Familie aus der vergifteten Atmosphäre zu retten, muss er viel Geld verdienen. Deshalb heuert er auf dem Versorgerplaneten Cretacea auf einem Walfänger an. Mit seinem Jugendroman kann und will Rhue ganz offensichtlich nicht den Vergleich zu Melvilles hochkomplexem Werk aufnehmen. Moby Dick dient ihm lediglich als Projektionswand, vor der er seine Geschichte spielen lässt. Zwar birgt seine Geschichte deutlich weniger moralische und religiöse Aspekte, doch übt er deutliche Sozialkritik. So prangert er soziale Ungerechtigkeit und die Umweltzerstörung an. Sein Kapitän Ahab ist ebenso zerfressen von Hass- und Rachegefühlen, die ihm den gesunden Menschenverstand rauben. Dies alles geschieht sehr offenkundig in einer spannenden Abenteuergeschichte, die alles hat, was dazu gehört. Kämpfe, bedrohliche Jagdszenen, fremde Wesen und Welten und vor allem jede Menge Tempo. Die Persönlichkeiten sind deutlich herausgearbeitet und glaubwürdig. Die Handlung vielschichtig, aber klar.

Nicolai von Schweder-Schreiner ist eine ausgezeichnete, an der jungen Zielgruppe orientierte Übersetzung gelungen, die durch eine reiche Sprache und einen direkten, unverschnörkelten Stil glänzt. Die Hörbuchfassung spricht Aleksandar Radenkovic. Die Bühnenausbildung des erfahrenen Schauspielers bereichert auch hier die Geschichte. Durch den Variantenreichtum seiner Stimme und entsprechende Betonungen, schafft er eine Atmosphäre, die zur Endzeitstimmung des Jugendromans passt. Morton Rhue hat ein Science-Fiction-Abenteuer geschaffen, das zwar nicht wirklich an Melvilles Moby Dick anschließt, aber die jungen Leser sicher begeistert. Und das ist es ja auch, was ein Jugendroman leisten sollte.

Gernot Körner

Bibliographie:

Morton Rhue
Creature. Gefahr aus der Tiefe
Aus dem Englischen von Nikolai von Schweder-Schreiner
Ravensburger
Gebunden, 480 Seiten
12-17 Jahre
17,00€ [D] 17,48€ [A]
ISBN 978-3-473-40150-5

Hörbuch

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Goya Libre
Gesprochen von Aleksandar Radenkovic

4 CDs, ca. 374 Minuten
19,99€
ISBN 978-3-8337-3714-5

Der Autor

Motron Rhue, eigentlich Todd Strasser, wurde 1950 in New York City geboren und wuchs in Long Island auf. Nach seinem Literaturstudium verdiente er seinen Lebensunterhalt zunächst als Straßenmusiker, später als Journalist. Morton Rhue schrieb zahlreiche Kinder- und Jugendromane und wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Roman “Die Welle” gehört in Deutschland zur klassischen Schullektüre.