Frank Lamers: Weg

313mrNajmCL._SX331_BO1,204,203,200_„Weg“ von Frank Lamers ist ein großartiger, ein irritierender und berührender Roman, dem das Gedicht „Erinnerung“ des großartigen, aber weitgehend vergessenen Dichters August Stramm vorangestellt ist.
Wie August Stramm, dessen formal revolutionären Gedichte den Kreis um die Avantgarde-Zeitschrift „Der Sturm“ in Aufruhr versetzten, weigert sich Lamers, die Welt eines Menschen durch den Filter konventioneller Erklärungsmuster zu betrachten. Geht August Stramm so weit, sich von jeglichen grammatikalischen Strukturen abzuwenden und nur auf die emotionale Kraft einzelner Wörter und deren rhythmischer Komposition zu vertrauen, geht Frank Lamers noch einen Schritt weiter: Auf 518 Seiten gibt er jenen, die sich auf den Buchstabensog einlassen, die Möglichkeit, ins Labyrinth des Kopfes seines Protagonisten vorzudringen.

Zum Inhalt

Martin Nyssen arbeitet als Journalist, er hat einen Sohn, eine Ehefrau, einen Schwager, eine Schwägerin und gute Freunde. An einem Punkt in seinem Leben quälen ihn Zweifel, ob seine Frau Angi noch an seiner Seite ist. Allmählich beginnt er, in das Labyrinth seines Gehirns abzudriften, einer Instanz, die sich der Wahrheit verweigert, die Abwehrmechanismen in Gang setzt, die Bilder erzeugt, die es den Lesern erschweren, festzustellen, wo sich der Protagonist gerade befindet: In einer Sackgasse in seinem Gehirn oder an der niederländischen Küste in realitas?
Rasch wird klar, dass der Protagonist in seiner Glaskugel bleiben möchte: „Ich berühre dein Kleid. Der Tag ist aus Glas. Es regnet Asche, Angi. In meiner Glaskugel regnet es Asche. Es hat Asche geregnet. Konntest du das nicht erkennen? Hättest du das nicht erkennen müssen? In meiner Glaskugel regnet es Asche.“
Nyssen sucht nach den Bildern seiner Frau, seines Lebens, seiner kleinen Welt, nach den richtigen Bildern, um diese zu bewahren. Nach Bildern, die er schon so lange in sich trägt, dass er glaubt, dass diese Bilder alles sind, was er zu fühlen imstande ist.
Was ist Realität, was war Realität, was hätte Realität sein können, was wurde von Nyssen als Realität wahrgenommen, ohne Realität zu sein? Frank Lamers beschreibt nicht nur den Entwicklungs-(Weg) seines Protagonisten auf einer realen Ebene, sondern folgt ihm auf seiner subjektiven inneren Bewegung durch Raum und Zeit – sich auf den Rhythmus des bisweilen verstörenden Gezeitenstroms aus Buchstaben einzulassen stellt die größte Herausforderung beim Lesen dar.
„Die Gischt frisst meine Hand. Ich lächle. Wenn du an meiner Seite bist, kann uns nichts passieren. Die Gischt hat meine Hände gefressen. Ich habe gelacht. Ich weiß, dass du mein Lachen gehört hast. Ich bin meinem Lachen gefolgt. Ich weiß, dass du mein Lachen gehört hast. Es kann immer etwas passieren.“

Asche, die geblieben ist

Etwas ist passiert in diesem Werk. Der Protagonist hat Konsequenzen erzeugt. Etwas ist verschwunden, ist weg, weil Nyssen sich auf der realen Ebene nicht der Wahrheit stellten mochte, weil er nicht anders konnte, als seiner Angst Raum zu geben und seinen Bildern zu folgen. Fast zu Ende schreibt Frank Lamers: „Das ist der brennende Himmel, das ist der verbrannte Himmel. Es regnet Asche in mir. Schwarz, sage ich, ist keine Farbe. Das ist die Asche, die mir geblieben ist. Du bist das Licht.“
Lamers hat ein sprachliches Meisterwerk geschaffen, das niemanden unberührt lassen wird: Auch wer dem Sprach- und Gedankenfluss nicht immer zu folgen vermag, wird jede einzelne Seite als ein Gedicht wahrnehmen, das ein Gefühl von Traurigkeit erzeugt.

(Gabrielle Schultz)

Bibliographie:

Frank Lamers
Weg
prosaschleuder
Taschenbuch, 518 Seiten
16,95 €

[D] Kindle
6,99 [D] ISBN 978-3945149157

Der Autor:

Frank Lamers war über viele Jahre hinweg Journalist und schreibt nicht nur, sondern macht auch Bilder: www.franklamerspictures.com