Riepl, Michael: Ferne Heimat Altmontal
Eine Familiengeschichte zwischen Bayern, der Ukraine und dem Kaukasus
Michael Riepl erzählt in Ferne Heimat Altmontal die Lebensgeschichte seiner Großmutter Hedwig, eingebettet in seine eigenen Erfahrungen in der Ukraine und im Kaukasus. Hedwig war eine hochgeschätzte Landärztin in Bayern und hinterließ ihrem Enkel mehr als 300 Seiten mühsam getippter Lebenserinnerungen – ein beeindruckendes Vermächtnis, das den Ausgangspunkt dieses Buches bildet.
Schon als Kind fiel dem Autor auf, dass seine Großmutter anders lebte als viele andere deutsche Großmütter. Ein Samowar, farbenfrohe Holzarbeiten, persische Teppiche – vieles in ihrem Haus erzählte von einer anderen Herkunft. Erst bei ihrem 85. Geburtstag, den sie nur kurze Zeit überlebte, wurde ihm bewusst, dass es keinerlei weitere Verwandte gab: keine Onkel, Tanten, Cousins oder Cousinen. Die Suche nach den Ursachen führt ihn tief in die Geschichte der Russlanddeutschen.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Riepl verbindet die Biografie seiner Großmutter mit seinen eigenen Reisen. Die Kapitel wechseln zwischen unterschiedlichen Zeiten und Orten – von der Ukraine über den Kaukasus bis nach Armenien, Aserbaidschan und Deutschland. Ebenso springt die Erzählung zwischen den 1930er Jahren und der Gegenwart.
Diese Erzählweise verleiht dem Buch zwar Dynamik, kann die Lektüre stellenweise aber auch unnötig kompliziert machen. Nicht immer fällt es leicht, den zahlreichen Orts- und Zeitsprüngen zu folgen.
Das Schicksal der Russlanddeutschen
2018 reist Michael Riepl erstmals in die Ostukraine, um humanitäre Hilfe zu leisten. Dabei begegnet er den Schauplätzen der Familiengeschichte seiner Großmutter und beginnt, ihre Vergangenheit nachzuzeichnen.
Es entsteht das eindrucksvolle Porträt einer Familie und zugleich einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Hungersnöte, Deportationen, politische Verfolgung, Zwangsarbeit und Massenmorde prägen das Schicksal der Russlanddeutschen. Gleichzeitig vermittelt das Buch historische Hintergründe über das Russische Reich, die Romanows, Katharina die Große und die Ansiedlung deutscher Kolonisten im Schwarzmeergebiet. Es erinnert daran, dass Deutschland einst selbst ein bedeutendes Auswanderungsland war.
Auch Themen wie der Holodomor und die sogenannten „Bloodlands“ Osteuropas werden angesprochen und verdeutlichen die historischen Dimensionen der Region.
Aktuelle Bezüge bleiben knapp
Die jüngere Geschichte der Ukraine streift Riepl nur am Rande. Ereignisse wie das Minsker Abkommen II, die Annexion der Krim oder der Maidan werden erwähnt, bleiben jedoch eher skizzenhaft. Auch die Rolle nationalistischer Bewegungen wird lediglich angerissen. Wer sich hiervon eine ausführlichere historische oder politische Einordnung erwartet, dürfte das Buch eher als persönliche Familiengeschichte denn als umfassende Analyse der Gegenwart verstehen.
Persönliche Anmerkung
Weniger überzeugend wirkt für mich die kurze Schilderung von Riepls Einsatz im Ostkongo im Februar 2022. Dieser Exkurs bleibt vergleichsweise knapp und steht nur lose mit der eigentlichen Familiengeschichte in Verbindung. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen der ausführlich dargestellten Tragödie Osteuropas und den nur kurz erwähnten Konflikten in Zentralafrika, der Fragen offenlässt.
Fazit
Ferne Heimat Altmontal ist ein bewegendes und gut recherchiertes Buch über Herkunft, Erinnerung und Identität. Michael Riepl verbindet die Geschichte seiner Familie mit den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und macht das Schicksal der Russlanddeutschen auf eindrucksvolle Weise greifbar.
Trotz der häufigen Zeit- und Ortswechsel lohnt die Lektüre. Wer sich für Familiengeschichten, osteuropäische Geschichte oder die Geschichte der Russlanddeutschen interessiert, findet hier ein lesenswertes und persönliches Zeitdokument.
Über den Autor
Michael Riepl ist Jurist mit den Schwerpunkten Völkerrecht und Osteuropastudien. Für das Internationale Rote Kreuz war er mehrere Jahre in der Ukraine, in Armenien und im Kongo tätig.
Almut Scheller-Mahmoud
Bibliografie:
Riepl, Michael
Ferne Heimat Altmontal
Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus.
ISBN: 978-3-406-84946-6
Erschienen am 09. Juli 2026
2. Auflage, 2026
304 S., mit 5 Abbildungen und 1 Karte
Hardcover
25,00 €
C.H. BECK