Robert Louis Stevenson: Reise mit einer Eselin durch die Cevennen

Der Autor des berühmten Klassikers „Die Schatzinsel“ zeigt sich in diesem Buch von einer ganz anderen Seite. Mit leichter Hand nimmt Robert Louis Stevenson seine Leserinnen und Leser mit auf eine zwölftägige Wanderung durch die Hügel der Cevennen – begleitet von seiner eigensinnigen Eselin Modestine. Fast mühelos folgt man den beiden über Stock und Stein durch eine Landschaft, die Stevenson mit feinem Gespür und großer Beobachtungsgabe zum Leben erweckt.

Natur, Geschichte und Menschen

Die besondere Stärke des Buches liegt in seiner gelungenen Mischung aus Naturbeschreibung, Reisebericht und kulturhistorischer Reflexion. Eindrucksvolle Landschaftsschilderungen wechseln mit den regelmäßigen Einkehren in die dörfliche Zivilisation. Dabei begegnet Stevenson den unterschiedlichsten Menschen, deren Eigenheiten sich ebenso unterscheiden wie die Landschaften, durch die er zieht.

Immer wieder verwebt er historische Exkurse mit seinen Reiseerlebnissen. So erinnert er an die Religionskriege der Kamisarden und die Tyrannei der Kirche – ein Konflikt von Glaube gegen Glaube, dessen Spuren bis heute in den Cevennen sichtbar sind.

Kleine Abenteuer mit großer Wirkung

Stevenson gelingt es, seine kleinen Abenteuer im Unbekannten lebendig werden zu lassen wie die Geschichte der wölfischen Bestie und sein Besuch in dem Trappistenkloster „Unsere Liebe Frau vom Schnee“, immer wieder unterbrochen von kleinen stilistischen Stillleben wie die Nächte unter dem Himmelszelt.

Modestine – eine unvergessliche Reisegefährtin

Im Mittelpunkt steht jedoch immer wieder Modestine, die störrische, aber liebenswerte kleine Eselin. Zwischen Mensch und Tier entwickelt sich im Verlauf der Reise eine leise, glaubwürdige Verbundenheit, die den Charme des Buches wesentlich ausmacht.

Modestine hätte ihren Platz im Pantheon der berühmten Esel der Literatur und Kulturgeschichte durchaus verdient – neben den Eseln des Nasreddin Hodscha und des Apuleius, Balthasar, Buridans Esel, dem Esel der Bremer Stadtmusikanten, Sancho Pansas Grautier, dem Dukatenesel, dem Esel des Palmsonntags und schließlich Platero aus Juan Ramón Jiménez‘ berühmtem Werk.

Fazit

Diese kleine Reiseerzählung besitzt eine Ausstrahlung, die vielen modernen Wanderbüchern fehlt: Bescheidenheit statt Selbstinszenierung. Stevenson wollte weder Rekorde aufstellen noch sich selbst beweisen. Das Unterwegssein war für ihn Selbstzweck und Lebenselixier.

Vielleicht wird dieses Buch einige Leserinnen und Leser dazu inspirieren, den Spuren von Stevenson und Modestine durch die Cevennen zu folgen. Ein Camino-Massenphänomen wird daraus wohl kaum entstehen.

Wer sich auf diese Reise einlässt, wird sich vielmehr am Wind erfreuen, der durch die Bäume singt, und am Sonnenlicht, das über die Hügel galoppiert. Genau darin liegt der zeitlose Zauber dieses außergewöhnlichen Reiseklassikers.

Almut Scheller-Mahmoud

eselin stevenson Bibliografie

Robert Louis Stevenson
Reise mit einer Eselin durch die Cevennen
Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow
Aus dem Englischen von Ilija Trojanow und Susann Urban
Hardcover
208 Seiten
ISBN-13: 978-3-293-00630-0
€ 20.00, FR 27.00, € [A] 20.60
Unionsverlag