Judith Raupp: Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht: Leben und Überleben im Kongo

„Je me débrouille“ – ich schlage mich so durch. Das ist eine gängige Antwort im Ost-Kongo auf die Frage: Wie geht es dir?

Normalerweise folgen darauf keine großen Klagen über das eigene Befinden wie bei uns in Deutschland. Es ist aber auch keine resignative Antwort, sondern vielmehr eine Akzeptanz des gegenwärtigen Zustands – verbunden mit der Gewissheit, dass niemand allein ist, dass irgendwo, irgendwie, irgendwann immer jemand da ist, der hilft.

Das ist für mich die Quintessenz dieses Buches.

Menschlichkeit trotz Krieg und Gewalt

In einem der reichsten und zugleich ärmsten Länder der Welt herrscht ein ausgeprägter Gemeinsinn. Zu helfen, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein – selbst dann, wenn man sich dadurch selbst in Gefahr bringt.

Diese Menschlichkeit ist beeindruckend, ja überwältigend. Sie trotzt all den Kriegen, Massakern und Gewaltexzessen, die im Kongo seit Jahrzehnten beinahe zum Alltag gehören. Sie trotzt auch der Korruption, die bis in die kleinsten gesellschaftlichen Strukturen reicht.

Beeindruckend ist auch, dass eine weiße Frau ihren gut dotierten Job als Journalistin aufgibt, um im Kongo künftige Kolleginnen und Kollegen auszubilden. Diese Frau ist die Autorin Judith Raupp. Sie erliegt der Faszination des Landes: seiner außergewöhnlichen Landschaft, vor allem aber der Menschlichkeit seiner Bewohnerinnen und Bewohner.

Und so trotzt auch sie den widrigen Umständen. Denn auch sie wird mit Korruption und Willkür konfrontiert. Auch sie bleibt vom Erleben von Morden, Vergewaltigungen und Plünderungen nicht verschont, selbst wenn sie diese Ereignisse teilweise nur als Randfigur erlebt.

Bewundernswert ist, dass Judith Raupp geblieben ist, statt in das sichere, saturierte und aus ihrer Sicht fast beschauliche Europa zurückzukehren. Der Ost-Kongo und seine Menschen sind ihr zur Heimat geworden.

Ein Leben zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Judith Raupp lässt uns unprätentiös an ihrem Leben im Ost-Kongo teilhaben – am beruflichen ebenso wie am privaten. Sie gewährt Einblicke in die Arbeit von NGOs und in den Alltag der kongolesischen Bevölkerung.

Denn trotz aller Widrigkeiten des täglichen Lebens und trotz der bewaffneten Auseinandersetzungen verschiedener Milizen wird auch hier gefeiert: Hochzeiten, Geburten, Taufen und Geburtstage. Ausgelassen und fröhlich. Für einen Moment scheint der martialische, anstrengende Alltag vergessen.

„Je suis là“ – ich bin da.

In diesen wenigen Worten steckt vieles: Schicksalsergebenheit, Dankbarkeit und Zuversicht. Und immer wieder die Familie, die im Hintergrund Halt gibt und beinahe einen heiligen Nukleus bildet.

Der Kongo und seine Geschichte

Eingeflochten in ihre tägliche Arbeit und ihre täglichen Fahrten mit dem Fahrrad durch die Stadt erzählt Judith Raupp auch die Geschichte des Kongo, insbesondere die des Ost-Kongo.

Bedauerlich ist allerdings, dass die einst große Hoffnung des Landes, Patrice Lumumba, nicht erwähnt wird. Lumumba war ein bedeutender Vorkämpfer der kongolesischen Unabhängigkeitsbewegung und erster Premierminister des unabhängigen Kongo. Ebenso fehlt der Hinweis auf seine Ermordung im Jahr 1961, bei der belgische und US-amerikanische Akteure eine bedeutende Rolle spielten.

Vielleicht wäre der Kongo dann einen anderen Weg gegangen. Vielleicht hätte sich die Korruption nicht in diesem Ausmaß verfestigt, vielleicht wäre die Gewalt nicht so tief in die Gesellschaft eingedrungen. Vielleicht wären die Traumata eines ganzen Landes irgendwann heilbar gewesen.

Es sind die Traumata eines Landes, dessen Geschichte von Ausbeutung und Gewalt geprägt wurde. Unter König Leopold II. von Belgien wurde der Kongo zum persönlichen Besitz des belgischen Monarchen und zum Schauplatz extremer Ausbeutung und Grausamkeit. Die Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 schuf dafür den internationalen Rahmen.

Gegen das Bild vom „Herzen der Finsternis“

Noch immer verbindet sich mit Afrika vielfach das Bild von „Herz der Finsternis“.

Judith Raupp setzt diesem Bild etwas entgegen. Sie zeigt uns, dass es neben all der Finsternis eine immense menschliche Helligkeit gibt. Eine Helligkeit, die angesichts der Lebensumstände umso beeindruckender wirkt – und die man fast zu einem Exportartikel stilisieren könnte.

Vielleicht ist genau das die stärkste Botschaft dieses Buches: Der Ost-Kongo ist nicht nur ein Ort der Gewalt, der Korruption und der Verzweiflung. Er ist auch ein Ort der Solidarität, der Lebensfreude, der Zuversicht und der Menschlichkeit.

„Je suis là“ – ich bin da.

Almut Scheller-Mahmoud

Bibliografie:

cover-morgen-gehe-ich-einkaufen-falls-der-markt-noch-steht-taschenbuch-judith-rauppJudith Raupp
Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht: Leben und Überleben im Kongo

Herausgeber‏: ‎ C.H.Beck
Erscheinungstermin: ‎ 9. Juli 2026
Auflage‏: ‎ 1.
Sprache : ‎ Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe: ‎ 297 Seiten
ISBN: ‎ 978-3406851629
Abmessungen: ‎ 12.2 x 2.5 x 20.1 cm
20,00€