Omar Khalifah: Sandfänger

Das Notizbuch des Großvaters – Wem gehören unsere Erinnerungen? Der Debütroman von Omar Khalifah spielt in Jordanien und verhandelt hochaktuelle Themen: die Brisanz von Erinnerungen und das Recht auf die eigene Geschichte, palästinensische Identität und die Grenzen des Journalismus. Dabei stellt der Roman eine ebenso spannende wie unbequeme Frage: Wem gehören eigentlich unsere Erinnerungen?

Zwischen Journalismus und Familiengeheimnis

Geschickt wechseln die einzelnen Kapitel zwischen der ersten und der dritten Person. Auf der einen Seite stehen die Mitarbeiter einer jordanischen Zeitung: der Chefredakteur, der Teamleiter, der Treulose, die Treulose und die Übersetzerin. Ihnen gegenüber steht eine palästinensische Familie: der allgegenwärtige Großvater, sein ältester Sohn und dessen Sohn, der Enkel.

Ein Spannungsfeld baut sich auf, als vier Journalisten palästinensischer Abstammung den Auftrag erhalten, einen alten Palästinenser zu seinem 85. Geburtstag zu interviewen. Sie sollen seine Erinnerungen an die Nakba von 1948 in Bild und Ton festhalten.

Nach wochenlangen Verhandlungen stimmt die Familie trotz erheblicher Bedenken angesichts des Alters des Großvaters schließlich zu. Die Journalisten haben einen Fragebogen mit zehn Fragen vorbereitet. Doch als sie dem alten Mann gegenübersitzen, erleben sie eine Überraschung: Er sitzt zunächst ausdruckslos und schweigend vor ihnen. Dann schreit er plötzlich: „Haut endlich ab, ihr Hurensöhne.“

Das Schweigen des Großvaters

Sein Sohn ist vor den Gästen zutiefst beschämt. Schließlich weiß auch er selbst kaum etwas über die Vergangenheit seines Vaters. Nur seinem Enkel, zu dem er eine tiefe und innige Verbindung hat, hat der Großvater gelegentlich Geschichten erzählt. Gleich 48 verschiedene Versionen soll er ihm aufgetischt haben – und alle endeten mit demselben Satz: „Dann war das Dorf verloren.“

Doch auch der Enkel scheitert letztlich an der Mauer des Schweigens. Die Journalisten können nicht verstehen, warum ein Palästinenser nicht über die Nakba sprechen will. Schließlich erzählen andere alte Menschen doch unaufhörlich von ihren leidvollen Erfahrungen.

Wenn Journalismus seine Grenzen überschreitet

Die anschließende Krisensitzung mit dem Chefredakteur endet mit einem Ultimatum: Die vier Journalisten bekommen zwei Wochen Zeit. Andernfalls werde die Zeitung die Geschichte so veröffentlichen, wie sie sich tatsächlich zugetragen hat.

Um ihren Ruf und ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, beschließen sie, einen weiteren Versuch zu unternehmen. Der Sohn lehnt eine erneute Begegnung jedoch ab. Schließlich entsteht eine neue Idee: Sie wollen den Großvater ohne die Aufsicht der Familie treffen – rein zufällig beim Freitagsgebet in der Moschee. Nur der Enkel muss dafür abgelenkt werden.

Doch auch dieser Versuch endet im Desaster. Als der alte Mann die Journalisten entdeckt, beginnt er sofort zu schreien. Sie seien Diebe! Kurz darauf sind Schreie zu hören. Die beiden Männer werden gepackt, verprügelt und bespuckt.

Wieder folgt eine Redaktionssitzung. Diesmal ist der Chefredakteur außer sich vor Wut: „Stellt euch vor, die Familie wendet sich an die internationale Presse. Hier ist eure fristlose Kündigung.“

Doch die Treulose hat bereits eine neue Idee. Ihr Plan: Enkel gegen Erinnerung. Sie setzt der Familie ein Ultimatum von 24 Stunden. Der Großvater müsse reden, wenn er seinen Augapfel wiedersehen wolle.

Das Notizbuch als Schlüssel zur Vergangenheit

Der Großvater wirft zunächst seinen Sohn aus dem Zimmer, gibt dann aber doch nach. Welche Erinnerungen wollen sie überhaupt? Welche Nakba? Schließlich habe es so viele Nakbas gegeben.

„Ich gebe dir, was sie wollen. Mein Notizbuch. Und ich bekomme meinen Enkel zurück.“

Allerdings stellt er eine ausdrückliche Bedingung: Sein Sohn darf das Notizbuch unter keinen Umständen öffnen.

Die Übergabe findet statt: Enkel gegen Notizbuch.

Ende der Geschichte? Keineswegs. Denn das Ende dieses Romans ist ein wahres Meisterstück!

Wem gehören unsere Erinnerungen?

Omar Khalifahs Roman wirft grundlegende Fragen auf: Was sind Erinnerungen? Wem gehören sie? Wer hat ein Recht auf sie? Und sind wirklich alle Mittel erlaubt, um sie ans Licht zu bringen?

Auch der Journalismus gerät dabei auf den Prüfstand. Wie weit darf er gehen, ohne sensationslüstern zu werden? Wo endet das berechtigte Interesse an historischen Ereignissen und wo beginnt die Verletzung der persönlichen Integrität? Wie können Journalisten die Hoheit der Befragten über ihre eigenen Erinnerungen respektieren? Und welchen moralischen Kompass brauchen sie, um nicht in ethische Grauzonen abzudriften?

Es sind Fragen, die weit über die Geschichte einer palästinensischen Familie hinausreichen. Fragen nach Identität, Wahrheit, Erinnerung und Verantwortung. Fragen, die heute aktueller denn je sind.

Almut Scheller-Mahmoud

 

cover sandfängerOmar Khalifah
Sandfänger
243 Seiten, 2026
Lenos Verlag
978-3-03925-054-7 (ISBN)
25,00 €