Samar Yazbek: Der blaue Stift

Ein poetischer Schutzschild gegen die Brutalität des Krieges

Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek präsentiert uns nach „Wo der Wind wohnt“ abermals eine außergewöhnliche Mischung aus inneren Gedankenströmen und der Brutalität des Krieges draußen. Alles ist Firnis, der das Geschehen in der Realität überdeckt: die Grausamkeit des Krieges im Allgemeinen und die der Giftgasangriffe im Besonderen. Der Roman ist poetisch, von beinahe lyrischer Schönheit. Seine Sprache legt sich wie eine schützende Hülle um das Geschehen.

Rima: ein Mädchen zwischen Flucht und Fantasie

Rima, ein Mädchen im Teenageralter, wendet sich direkt an die Leserinnen und Leser – sozusagen an uns als Zeugen. Sie ist ein besonderes junges Mädchen, dessen Füße ständig im Laufmodus sind. Seit ihrer Kindheit muss ihre Mutter sie deshalb entweder an einer Schnur mit sich führen oder zu Hause festbinden, als hätten ihre Zehen Flügel.

Auch mit ihrer Zunge ist Rima sparsam: Sie bewegt sie nicht gern und bleibt deshalb meist stumm. Eine minimale Reminiszenz an Oskar Matzerath aus Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ drängt sich auf. Rima kann lesen, doch statt ihre Geschichten aufzuschreiben, malt sie sie mit Wasserfarben. Außerdem kann sie den Koran auswendig und singend rezitieren. Nur dann vermag sie ihre eigene Stimme zu hören.

Alles ändert sich, als Rima und ihre Mutter an einem der zahlreichen Checkpoints in einen Schusswechsel geraten. Das Band, mit dem Rima an ihre Mutter gebunden ist, löst sich. Rima läuft und läuft …

Ihre Mutter sieht sie nie wieder. Rima selbst landet in einem Krankenhauskeller. Ihr Bruder bringt sie schließlich in ein Haus in der Nähe von Ghouta, östlich von Damaskus. Dort malt sie für die Kinder: Bilder aus „Der kleine Prinz“ und „Alice im Wunderland“.  Außerdem singt sie ihre Lieblingssure. Mit ihrer Stimme, sagt man ihr, könne sie Steine zum Weinen bringen. Sie träumt von ihrer Mutter. Wenn sie aufwacht, schwebt eine Wolke über ihrem Kopf, die sie sogar berühren kann. Auch eine leise Liebesgeschichte mit Hassan, einem Freund ihres Bruders, deutet sich an.

Geschichten in Geschichten – die Macht der Farben

Rima lebt in einem Rausch aus Farben und Worten. Immer wieder lässt sie sich von „Der kleine Prinz“  und  „Alice im Wunderland“  inspirieren – für mich ein guter Grund, diese beiden Bücher wieder einmal zur Hand zu nehmen. Auch Al-Thaʿalibi regt sie zu einem Dialog über den Himmel zwischen ihm und dem Kleinen Prinzen an:

„Alles, was über dir ist und dich beschattet, ist der Himmel. Jetzt ist alles, was über mir ist, der Himmel.“

Wie in einem psychedelischen Trip erschafft Rima andere Leben. Ihr blauer Stift ist dabei Taktgeber und Adjutant zugleich. Ihre Geschichten, so erklärt sie, greifen ineinander: Kreise innerhalb von Kreisen, Geschichten innerhalb von Geschichten – wie beim Mischen von Farben.

Sie überlegt, ein Bild vom Tod zu malen: eine weiße Seite, die sich schwarz verfärbt und innerhalb von Sekunden wieder weiß wird. Zurück bleibt ein kleiner roter Punkt, das Eingangstor zum Hades.

Rimas Leben besteht darin, sich im Sterben zu üben, so wie man das Malen oder das Erlernen einer Sprache übt. Eine verstörende Vorstellung, die in ihrer Welt dennoch eine eigene Logik entwickelt.

Geheimplaneten und die Einsamkeit des Kellers

Rima erzählt von ihren Geheimplaneten. Der letzte ist ein Keller einer ehemaligen Druckerei, in dem sie seit Wochen allein ist. Unwillkürlich kommen Erinnerungen an Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ auf.

Rima ist ohne Wasser und Nahrung. Sie versucht, ihren festen Seilknoten zu lösen, doch es gelingt ihr nicht. Durch das Kellerfenster sieht sie zwei Jungen, die in den Trümmern wühlen. Beim dritten Mal versucht sie, nach ihnen zu schreien. Doch die Jungen erstarren, laufen schreiend davon und rufen: „Da ist ein Monster!“

Rima sieht sich selbst als lebendige Geschichte. Zugleich weiß sie, dass auch sie verschwinden wird – so wie ihre Mutter, ihr Bruder, Hassan und die beiden Jungen. So wie wir alle irgendwann verschwinden werden.

Der blaue Stift als Zeichen des Widerstands

Doch für uns bleibt Rima lebendig. Sie ist ein Symbol für Widerstandskraft und für die Macht der Kreativität. Ihre Fantasie, ihre Farben und ihre Geschichten schaffen einen Raum, in dem sie dem Grauen etwas entgegensetzen kann.

Und das angesichts einer Wirklichkeit, in der der Gestank, der aus den Nasen quellende Schaum, die orangefarbene Flüssigkeit, die aus den Mündern rinnt, und die blau leuchtenden Körper der Toten nach einem Giftgasangriff das Ende der Welt verkünden.

Almut Scheller-Mahmoud

 

cover-blauer-stiftBibliografie:

Der blaue Stift
Samar Yazbek
Hardcover, 224 Seiten
Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00619-5
24,00 €